Land und Sozialpartner sorgen für mehr Bildungschancen

Haslauer und Pichler: Erfolgreiches Pilotprojekt "Du kannst was!" zur Anerkennung von Berufswissen für den Lehrabschluss wird verlängert

Salzburger Landeskorrespondenz, 14.10.2016
 

(LK)  Nur 30 Prozent des menschlichen Lernens findet in Bildungsinstituten statt. Das meiste Wissen wird im Alltag erworben – vor allem im Beruf. In Salzburg stehen 52.344 Menschen ohne anerkannten Berufsabschluss da. Sie sammeln bei der Arbeit trotzdem eine Menge Erfahrung. Dieses Wissen wird im Projekt "Du kannst was!" nach einer Inventur des beruflichen Könnens als Basis für den Lehrabschluss anerkannt: Die Teilnehmer lernen dann durch punktgenaue Weiterqualifikation das, was ihnen zum Zeugnis noch fehlt. Aus Hilfskräften, die gute Fertigkeiten aber noch keinen Abschluss haben, werden so Fachkräfte. Jetzt wird das erfolgreiche Pilotprojekt (2012-2014) verlängert. "Du kannst was!" schafft Chancen, erklärten Landeshauptmann Wilfried Haslauer und Arbeiterkammer-Präsident Siegfried Pichler heute, Freitag, 14. Oktober: "Man gelangt durch Erfahrung zu einem Zeugnis und Abschluss."

Die Lehre ist die häufigste Ausbildungsform in Österreich. Allein in Salzburg gibt es 112.304 Personen mit Lehrabschluss. Es ist eine gute, eine dringend benötigte Ausbildung. Besonders in Zeiten mit erhöhtem Fachkräftebedarf. Eine abgeschlossene Lehre erhöht die Chancen auf dem Arbeitsmarkt und für den Aufstieg als Fachkraft im Stammberuf. Oft ermöglicht sie auch eine berufliche Umorientierung. Und sie berechtigt zur Teilnahme an der Berufsreifeprüfung, die wiederum ein Studium ermöglicht. "Das eigene Ausbildungsniveau steht in unmittelbarem Zusammenhang mit der Arbeits- und Lebenszufriedenheit. Das beweisen Studien wie der Arbeitsklima-Index der AK", sagte AK-Präsident Siegfried Pichler. Mehr noch: Sozialer Status und Bildung hängen eng zusammen. Denn meistens ermöglicht eine abgeschlossene Ausbildung auch eine Verbesserung im jeweiligen Kollektivvertrag sowie Berufsschutz. Nicht zuletzt sind besser Qualifizierte seltener von Arbeitslosigkeit bedroht.

52.344 Menschen in Salzburg machten maximal die Pflichtschule

Aus- und Weiterbildung muss also eine Top-Priorität sein. Zwar ist das Bildungsniveau im Bundesland zwischen 1981 und 2014 allgemein gestiegen: Statt 45 Prozent der 25- bis 64-Jährigen haben jetzt nur mehr 17,5 Prozent maximal den Pflichtschulabschluss. Das sind jedoch immer noch 52.344 Menschen in Salzburg. "Sie finden schwerer einen neuen Job und nehmen Weiterbildungsangebote weniger wahr. Uns geht es um faire Chancen für diese Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Deshalb arbeiten wir aktiv daran, dass der Anteil an – jungen und älteren – Menschen ohne Berufsausbildung oder anerkannten Abschluss sinkt", so Landeshauptmann Wilfried Haslauer und Siegfried Pichler. Denn jede und jeder Berufstätige sammelt Arbeitstag für Arbeitstag eine Menge praktisches und theoretisches Wissen. Diese Erfahrung zählt. Und sie führt mit "Du kannst was!" zum Zeugnis. Das Land Salzburg und die AK schaffen damit ein attraktives Angebot. Die Kenntnisse und Fertigkeiten, die diese Menschen – oftmals haben sie einen Migrationshintergrund – nach einer längeren Zeit beruflicher (Hilfs-)Tätigkeiten erworben haben, werden umfassend dokumentiert. Und dann als Vorleistungen anerkannt. "'Du kannst was!' schafft neue Chancen für Menschen, die sonst nur wenig Entwicklungspotenzial auf dem Arbeitsmarkt haben. Deshalb führen wir das erfolgreiche Pilotprojekt jetzt in Salzburg weiter. Wir wollen den Menschen Mut machen, ihren Abschluss nachzuholen!", betonten Haslauer und Pichler.

Projekt durch Unterstützung von Land, AK und ESF ermöglicht

Bis jetzt haben in Oberösterreich – dort startete "Du kannst was!" zuerst – und Salzburg mehr als 560 Männer und Frauen erfolgreich ihren Lehrabschluss nachgeholt. In Salzburg schafften es in der Pilotphase sogar zwei Arbeitnehmerinnen, den Abschluss zur Einzelhandelskauffrau aufgrund ihres umfangreichen Wissens quasi aus dem Stand zu machen. Insgesamt konnten in der Pilotphase 62 Personen den Lehrabschluss absolvieren und damit ihre berufliche Qualifikation erheblich verbessern. Im Durchschnitt hatten die Teilnehmenden an "Du kannst was" fast zehn Jahre Berufserfahrung und waren 34 Jahre alt. Etwa 75 Prozent hatten keine abgeschlossene Berufsausbildung und fast 70 Prozent auch keine über die Pflichtschule hinausgehende schulische Bildung. Die neue Runde von "Du kannst was!" startet mit Oktober 2016. Projektträger ist das BFI der AK Salzburg.

"Das Projekt sichert den Menschen, die ausreichend Wissen erworben haben zu, dass sie durch ein einfaches und unkompliziertes Verfahren ihren Abschluss zur Fachkraft nachholen können. Ein Top-Angebot an die Salzburgerinnen und Salzburger, das wir gerne und professionell mit unseren Partnern durchführen!", sagte BFI-Direktor Werner Pichler. Besonderer Dank gilt dabei auch dem AMS und dem WIFI wie auch der Wirtschaftskammer, dem Technischen Ausbildungszentrum Mitterberghütten und dem ÖGB. Durch dieses breite Zusammenwirken werden die Potenziale der Arbeitnehmer, für die das Projekt gemacht ist, maximal genutzt.

Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer unterschätzen ihr Können

"Die Tür zur Weiterbildung für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer ohne Lehrabschluss ist jetzt weit offen. Im Projekt wird das umfassende Berufswissen der Teilnehmerinnen und Teilnehmer erstmals für sie und andere sichtbar gemacht. Oft ist nämlich weder den Arbeitnehmern selbst noch deren Arbeitgebern bewusst, wie viel sie eigentlich können. Anschließend kann durch maßgeschneiderte Aus- und Weiterbildung der Lehrabschluss nachgeholt werden. Das schafft Chancen: Zum Beispiel für Hilfsarbeiterinnen und Hilfsarbeiter. Man kann die Lehre 'beenden', ohne alles von vorne lernen zu müssen", sagte Siegfried Pichler: "So können auch jene Mitbürgerinnen und Mitbürger noch Potenziale ausschöpfen, die bisher keine Chance auf eine Berufsausbildung hatten oder eine vorhandene Chance nicht nutzen konnten. Nicht zu vergessen Menschen mit Migrationshintergrund, die meist schon in ihren Herkunftsländern – und danach in Österreich – viel berufliche Erfahrung sammeln konnten. Keine andere Maßnahme erreicht diese Gruppe so gut", ist AK-Präsident Siegfried Pichler überzeugt.

Eine Win-Win-Situation, die Chancen für alle beteiligten schafft

Letztendlich profitieren davon alle: "Mehr Fachkräfte kommen den Bedürfnissen der Wirtschaft entgegen. Ältere Hilfskräfte können von körperlich harter Arbeit auf das Bedienen komplexer Anlagen oder andere Tätigkeiten umsteigen. Und wer nicht besonders bildungsnah ist, kann das Lernen "lernen". Davon profitiert auch die Wirtschaft", so Landeshauptmann Wilfried Haslauer und Siegfried Pichler. "Du kannst was!" ist auch in Zusammenhang mit Arbeit 4.0 interessant. Denn die vierte industrielle Revolution der Digitalisierung und Vernetzung aller Produkte wirkt sich vor allem auf niedrig qualifizierte Tätigkeiten negativ aus, während sie in anderen Bereichen neue Potenziale schafft. "Ein Berufsabschluss stärkt das Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen eines Menschen ungemein. Dann sind noch weitere Karriereschritte möglich. Und die soziale Integration entwickelt sich in jedem Fall weiter", so Landeshauptmann Wilfried Haslauer und AK-Präsident Pichler: "Wer lebenslang im Beruf dazulernen kann, seine persönliche Weiterentwicklung wahr- und aktiv an ihr teilnimmt, der ist zufriedener mit sich und seinem Job – in jeder Lebensphase."

Land Salzburg fördert die Qualifizierung der Arbeitnehmer

"Das Land Salzburg führt ein sinnvolles Modell jetzt weiter. Wir können bestehende Erfahrungen in den Ablauf einplanen und den Menschen beste Rahmenbedingungen bieten", so Landeshauptmann Wilfried Haslauer. Über die aktive Arbeitsmarktpolitik des Landes werden berufliche Qualifizierungen auf verschiedenen Ebenen gefördert, so etwa durch den Bildungsscheck und die Ausbildungsgarantie für Jugendliche. "Aber auch bei der Basisbildung und beim Pflichtschulabschluss unterstützen wir Menschen dabei, ihr Wissen zu vervollständigen und Abschlüsse nachzuholen. "Du kannst was!" ist ein weiteres Angebot für Salzburgerinnen und Salzburger, um ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu verbessern." 

Der Berufsabschluss ist ein Wertpapier – besser man hat ihn

Für Rudolf Eidenhammer von der Lehrlingsstelle der Wirtschaftskammer ist an "Du kannst was!" besonders bemerkenswert, dass Personen, die schon lange in der Praxis sind, eine nachhaltige Perspektive eröffnet wird: "Das ist kein billiger Lehrabschluss. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die quasi auf Fachkraftniveau arbeiten, werden gezielt zum Lehrabschluss und damit auch auf eine neue Karrierestufe geführt. Außerdem erhalten die Arbeitnehmer bei professionellen Bildungsberatungen Klarheit darüber, welche Fertigkeiten und Kenntnisse sie haben. So können dann auch treffsichere Bildungsmaßnahmen durchgeführt werden", sagt Eidenhammer. Die Sozialpartner bringen mit dem BFI, dem WIFI und dem TAZ Mitterberghütten das optimale Umfeld zur Unterstützung ins Spiel. "Denn das Prüfungszeugnis ist ein Wertpapier: Der Berufsabschluss bietet mehr Sicherheit, neue berufliche Chancen und öffnet weitere Türen zur Höherqualifikation", so Eidenhammer, der aus seiner Praxis in der Lehrlingsstelle der Wirtschaftskammer weiß, dass bei den "Angelernten" viel Wissen schlummert.

In vier Schritten zum Facharbeiter

"Natürlich wird das Prozedere so einfach wie möglich gehalten", stellte Siegfried Pichler klar. "Wir haben Berufe ausgewählt in denen besonders viele 'Angelernte' tätig sind." Derzeit sind folgende Lehrabschlüsse möglich:

  • Bürokaufmann/frau

  • Restaurantfachmann/frau

  • Metalltechniker/in

  • Einzelhandelskaufmann/frau

  • Koch/Köchin

  • Betriebslogistiker/in

  • Großhandelskaufmann/frau

  • Industriekaufmann/frau

Diese Liste wird ständig erweitert. Es lohnt sich also nachzufragen, wenn das angepeilte Berufsfeld (noch) nicht dabei ist. Die Interessentinnen und Interessenten, deren Mindestalter bei 22 Jahren liegt, kommen in vier Schritten zum Lehrabschluss.

  1. Schritt eins ist ein Erstgespräch im Rahmen der AK Kompetenzberatung am BFI (Berufsförderungsinstitut) Salzburg. Hier werden Teilnehmer über Chancen und Erfordernisse auf dem Weg zum Lehrabschluss und gegebenenfalls über Alternativen informiert.

  2. Schritt zwei ist die Teilnahme an fünf Workshops mit geschulten Trainerinnen und Trainern, in denen die berufsbezogenen Kenntnisse erfasst werden. Die Ergebnisse werden beim "Qualifikations-Check" gemeinsam besprochen.

  3. In Schritt drei werden noch fehlende Kenntnisse und Fertigkeiten durch gezielte Weiterbildungskurse am BFI, WIFI oder dem TAZ Mitterberghütten erlernt.

  4. Schritt vier: die Lehrlingsstelle prüft den Weiterbildungserfolg beim zweiten "Qualifikations-Check" und stellt dann das Lehrabschlusszeugnis aus.

Das Projekt "Du kannst was!" wird über den Europäischen Sozialfonds sowie mit Geldern des Landes Salzburg und der AK Salzburg finanziert. Es ist daher nur für die Weiterbildung ein Eigenbetrag in Höhe von 400 Euro, in Ausnahmefällen bis 800 Euro zu leisten. Der Eigenanteil kann vom Bildungsscheck des Landes Salzburg zu 50 Prozent gefördert werden, sodass die Selbstkosten – bei Gewährung der Förderung - zwischen 200 und 400 Euro plus Prüfungskosten liegen.

"Du kannst was" wird von der AK-Kompetenzberatung am BFI Salzburg abgewickelt (Hotline: 0662 88 30 81 – 555, E-Mail: dukannstwas@ak-salzburg.at, Web: www.ak-salzburg.at/dukannstwas). 161014_65

Weitere Informationen: Christian Blaschke, Büro Landeshauptmann Wilfried Haslauer, Tel.: +43 664 5917126, E-Mail: christian.blaschke@salzburg.gv.at.