Wenn Bräuche keine Grenzen kennen

Riesen aus Krakau, Hostien und Stechwettkämpfe mitten im Grenzfluss und bayerisch-Salzburger Volksmusikgruppen zeugen von Verbundenheit

Salzburger Landeskorrespondenz, 03.08.2017
 

(LK) Warum an bestimmten Sommertagen Tausende Menschen Salzburg zu Fuß über Hochgebirgswege verlassen, warum turmhohe steirische Mannsbilder im Lungau Einreiseerlaubnis haben, warum Oberndorfer mit Heiligem Brot auf dem Grenzfluss prozessieren und später ihre Laufener Nachbarn vom Boot schubsen und warum Salzburger Volksmusikanten mit einem Bayerischen Kulturpreis geehrt wurden, verrät dieser Grenzfall.

Bräuche und Rituale folgen einer eigenen Logik. Sie verweigern sich dem Zeitgeist, erfinden sich bisweilen neu und ignorieren Grenzen, ob traditionell oder künstlich.

Bis ins 16. Jahrhundert lässt sich die Pilgerwanderung über den Glockner, Salzburgs größte Wallfahrt, zum Fest der beiden Apostel Petrus und Paulus Ende Juni verfolgen. Bis zu 5.000 Pilger überqueren dabei die Alpen auf einem mehr als 30 Kilometer langen Pilgerpfad von Ferleiten bis nach Heiligenblut in Kärnten.

Gleich ins deutsche Ausland führt die Almer Wallfahrt von Maria Alm am Hochkönig über das Steinerne Meer nach St. Bartholomä am bayerischen Königssee. Die älteste Hochgebirgswallfahrt Europas ist seit 1635 belegt, als Salzburger Bürger zum Dank für die überstandene Pest erstmals im Namen des Herrn über das Steinerne Meer pilgerten. Heuer wird die Staatsgrenze am 26. August pilgernd überschritten.

Lungauer Riesen mit steirischen Brüdern

Ins selbe Jahr datieren die Ursprünge des inzwischen als UNESCO-Weltkulturerbe anerkannten Samson-Brauchs, bei dem riesenhafte bis zu sieben Meter hohe und 85 Kilogramm schwere Heldenfiguren in Umzügen durch Lungauer Dörfer zu bestaunen sind. Und wenn alle paar Jahre ein Gipfeltreffen der zehn Lungauer Samsone stattfindet, gesellen sich zwei aus der angrenzenden steirischen – nicht polnischen - Krakau und der Gemeinde Murau dazu. Das nächste Mal versammeln sich die Lungauer Riesen mit ihren zwei Kollegen aus dem Steirischen am 10. September in Mauterndorf.

Turnierkämpfer und Hostien im kalten Grenzfluss

Nur fünf Jahre später als die ersten Samson-Beschreibungen wurde im Flachgauer Oberndorf erstmals ein Turnier auf der Salzach ausgetragen. Genau genommen im heute bayerischen Laufen, Oberndorf war bis 1816 ein Stadtteil auf der rechten Salzachseite. Beim Schifferstechen versuchen Mannschaften aus Oberndorf und Laufen auf flachen Zillen mit Holzlanzen bewaffnet den Gegner ins kalte Wasser des Grenzflusses zu befördern. Das nächste Spektakel dieser Art findet am 13. August statt.

Friedlicher geht es in Oberndorf beim "Himmelbrotschutzen" zu. Während der Fronleichnamsprozession werden von einer Zille aus mit dem Ruder vier geweihte Hostien auf einem Kranz vorsichtig ins Salzachwasser gesenkt. Bei dieser einzigartigen Wassersegnung, bei dem das "Himmelsbrot" im Wasser geschwenkt wird, steht der Priester oberhalb segnend auf der 1903 errichteten Jugendstilbrücke exakt auf der Staatsgrenze, während das „Landesfürstlich privilegierte Schifferschützen-Corps Oberndorf an der Salzach“, das 1278 gegründete älteste Schützencorps des Landes, einen Ehrensalut abgibt. Die Teilnehmenden erhoffen sich dadurch Schutz vor Wasserschäden der Schwesternstädte an der Salzach.

Grenzenloses Musizieren

Keineswegs selten, sondern im Grenzgebiet häufig anzutreffen ist die Besetzung von Gesangs- und Musikgruppen mit Mitgliedern von "herent" und "drent". Manche wurden gleich grenzüberschreitend gegründet wie die Göllwurzenmusi und die Wiesbach-Musikanten, andere wurden grenzüberschreitend erweitert wie die ursprünglich urbayerische Rotofenmusi. Sie wurde 1978 gegründet und besteht aus Musikanten aus dem Berchtesgadner- und Salzburger Land, die miteinander eine enge Musikantenfreundschaft verbindet. In selbstbewusstem Bairisch klingt deren Selbstbeschreibung so: "Sie repräsentiert ah Weiterentwicklung in da Volksmusik und ned verwunderlich homs dafia den Bayerischen Kulturpreis griagt."

Kurioses über Grenzen hinweg

Die Salzburger Grenzfälle versammeln Kuriositäten rund um die Grenzen Salzburgs und bilden eine aufschlussreiche Lektüre zu Geschichte, Landeskunde und Politik des Bundeslandes. Der Autor Stefan Mayer beschäftigt sich seit 2002 mit grenzfälligen Besonderheiten in und um Salzburg. Er gestaltet die monatliche Serie "Grenzfälle", von der bereits vier Bücher erschienen sind. Band 4 kann im Webshop des Landes um 6,90 Euro bestellt werden, digitale Versionen aller vier Bände stehen dort zum kostenlosen Herunterladen zur Verfügung. Einzelne Grenzfall-Artikel können jederzeit abgerufen werden. 170803_60 (sm/lmz)

Weitere Informationen: Franz Wieser, Pressesprecher Land Salzburg, Landes-Medienzentrum, Tel.: +43 662 8042-2365, Redaktionshandy: +43 664 3943735.

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