Zwischen Pflicht und Leidenschaft

Viktor Mayer-Schönberger lehrt an der Harvard-Universität, ist gefragter Experte im Internet-Recht und "Salzburger der Woche"

Salzburger Landeskorrespondenz, 29.08.2006
 

(LK)  Seit 1999 ist Viktor Mayer-Schönberger Professor für Internet-Recht und -Politik an der Harvard-Universität. Seine Vorträge sorgen immer wieder für Erstaunen, kürzlich berichtete er in Wien von der Ohnmacht staatlicher Innovations-Politik. Und in seinem neuen Buch geht er der Frage nach, warum große Organisationen und öffentliche Verwaltungen immer zurückhaltend gegenüber neuen Kommunikations-Technologien sind. Univ.-Prof. Dr. Viktor Mayer-Schönberger aus Zell am See wurde heute, Dienstag, 29. August, zum "Salzburger der Woche" auf SALZBURG.AT, der Internet-Plattform für die Europaregion auf www.salzburg.at, gekürt.

Mayer-Schönberger sieht Zusammenhänge zwischen Homosexualität und Innovationskraft in einer Region; er erkennt, dass er in bestimmten Berufen mit 28 Jahren schon zu alt ist und scheint für alle Bereiche des Lebens eine Maxime parat zu haben; er scheut sich nicht, den Untergang des Nationalstaates vorherzusagen. "Wenn er sich nicht ändert", schränkt der 40-Jährige ein.

Univ.-Prof. Dr. Viktor Mayer-Schönberger wurde 1966 in Zell am See geboren. Er besuchte die Volksschule und das naturwissenschaftliche Bundes-Realgymnasium in Zell am See und maturierte 1984 mit Auszeichnung. Nach sieben Semestern Rechtswissenschaften in Salzburg folgten ein Master-Studium an der Harvard Law School in der US-amerikanischen Stadt Cambridge im Bundesstaat Massachusetts und 1991 das Doktorat in Salzburg. In London graduierte er anschließend zum Master of Science an der London School of Economics and Political Science. Die Habilitation erreichte er an der Universität Graz.

Das Metier des gebürtigen Pinzgauers ist die Rechtswissenschaft, seine Leidenschaft der Computer. Mit 15 Jahren gewann er einen Preis für eine von ihm entwickelte deutsche Version der englischen, weit verbreiteten Programmiersprache Cobol. Wenige Jahre später wurde er Dritter beim bundesweiten Programmier-Wettbewerb der österreichischen Computer-Gesell-schaft. Bereits 1986 gründete er die Firma Ikarus, die mit der Anti-Viren-Software "Virus Utilities" Österreichs meistverkauftes Softwareprodukt erstellte. Nach der erfolgreichen Entwicklung einer Open Source Anti-Virus-Sprache - also einer frei zugänglichen Anti-Viren-Software - verkaufte er 1992 die Firma. 1991 wurde er unter die besten fünf österreichischen Software-Unternehmer des Jahres gewählt.

Wie man Pflicht und Leidenschaft miteinander verbindet

Mayer-Schönberger erkannte schnell, dass sich Pflicht und Leidenschaft verbinden lassen und spezialisierte sich auf Rechtsfragen im Computer-Zeitalter. 1989 war er erster Geschäftsführer des Hochschul-Lehrganges für Rechtsinformatik in Salzburg. 1992 übernahm er die Steuerberatungs-Kanzlei des Vaters, die er bis 1994 führte. Danach arbeitete Mayer-Schönberger zuerst am österreichischen Institut für Rechtspolitik in Salzburg, wo er das Projekt Informationsrecht leitete, und ab 1996 an der Juridischen Fakultät in Wien als Universitäts-Assistent.

1999 folgte er schließlich dem Ruf in die USA als Professor an der Kennedy School of Government an der Harvard-Universität. Wie er sagt, hat man ihn wegen seiner in den USA erschienen Publikationen über Internet-Recht und Persönlichkeitsschutz an die Kennedy School geholt. "Die solide Basis für diesen Weg hat mir aber das Studium an der Universität Salzburg gegeben". Im gleichen Jahr wurde er zum "Salzburger des Jahres" in der Zeitschrift "Salzburger Fenster" gewählt.

Das Programmieren hatte er bis dahin schon längst aufgegeben. Seine Begründung: "Weil ich zu alt war." Denn gerade beim Programmieren gebe es immer wieder neue Paradigmen. "Ich hätte umlernen müssen. Mit den Neuerungen tun sich die leichter, die vorher noch nicht Programmieren gelernt haben."

Recht als Mittel zum Zweck

Mittlerweile beschäftigt sich der 40-Jährige mehr mit gesellschaftspolitischen als mit wirtschaftlichen Fragen, wie mit dem Urheberrecht als Mittel zum Zweck des wirtschaftlichen Wachstums. Dass man zum Beispiel mittlerweile Musik für 99 Cent pro Lied aus dem Internet herunterladen kann, "ist kein Zeichen dafür, dass das Urheberrecht funktioniert hat", erklärt Mayer-Schönberger, "sondern wirtschaftliche Abwägung der Konsumenten, und das hat nichts mit Recht zu tun". Das "Recht als gesellschaftliches Konstrukt" sei ein generelles Problem in der Judikatur. "Über das Recht sollen soziale Normen festgelegt werden, diese werden aber oft umgangen und - wie beim Urheberrecht - durch die normative Kraft des Faktischen unterspült", so Mayer-Schönberger.

Ein anderer Gedankengang betrifft die Ohnmacht der Politik, Regionen mit starker Innovationskraft zu schaffen: Nach dem Prinzip "Geld kommt zu Geld" siedeln sich innovative Unternehmen dort an, wo bereits welche bestehen. Mit der Risiko-Umverteilung wiederum meint er, das unternehmerische Risiko auf andere Bereiche der Gesellschaft zu übertragen. Und als Indikator, wo Innovationskraft am höchsten ist, sieht der Salzburger die Zahl der dort lebenden Homosexuellen. Denn diese bevorzugen, wie auch innovative Unternehmen, eine aufgeschlossene Gesellschaft. Auch der Umkehrschluss sei laut einer Studie an der US-amerikanischen George Mason Universität zulässig: Eine hohe Dichte an Kirchen und religiöser Buchhandlungen ist ein sicheres Indiz für eine Innovationswüste.

Abschalten und Schreiben in der Heimat

Viktor Mayer-Schönberger leitet die jährliche Rüschlikon-Konferenz, bei der im gleichnamigen Schweizer Ort rund 30 Expert/innen und Strateg/innen der wichtigsten Software-Unternehmen über wichtige Themen der Informations-Wirtschaft debattieren, und ist Mitbegründer und Mitglied im Lenkungsausschuss der SubTech-Konferenz, die sich mit der Rolle von Informations- und Kommunikations-Technologien in den Rechtswissenschaften beschäftigt. Von 2004 bis noch vor kurzem war er Mitglied der ABA/AALS (American Bar Association and Association of American Law Schools), einer Konferenz von Juristen und Wissenschaftern, die sich mit naturwissenschaftlichen Fragen und Politik beschäftigt.

Zu den Aufgaben des 40-Jährigen aus Zell am See zählt auch die Beratung internationaler Unternehmen, Regierungen und Organisationen. Er ist Autor und Herausgeber von Büchern und von mehr als hundert wissenschaftlichen Beiträgen. In seinem Haus in Zell am See genießt er regelmäßig den Sommer. Diese Zeit nutzt er zum Abschalten und zum Schreiben. Sein achtes Buch mit dem Titel "Information Government" erscheint im nächsten Jahr. Darin stellt Mayer-Schönberger die These auf, dass sich staatliche Institutionen schwer tun, ihr Kommunikations-Monopol aufzugeben. "Wenn der Nationalstaat überleben will, muss er diese Einstellung ändern", lautet seine radikale Ansicht. k170-51