Heilige Gräber in Salzburg und Bayern

Nach der Aufklärung sowie durch die Reform der Osterliturgie fast erloschen, erleben noch erhaltene Gräber eine Renaissance

Salzburger Landeskorrespondenz, 01.04.2010
 

(LK)  Die Errichtung von Heiligen Gräbern hat in Salzburg und Bayern eine lange Tradition, die in der Zeit der Aufklärung sowie durch die Reform der Osterliturgie Mitte des vergangenen Jahrhunderts fast zum Erliegen kam. In jüngster Zeit erleben noch erhaltene Gräber eine Renaissance. Detaillierte Informationen zu diesem Thema finden sich auf der CD-ROM "Vom Frühling bis zum Herbst" aus der vom Referat für Volkskultur und dem Salzburger Landesinstitut für Volkskunde herausgegebenen CD-ROM-Serie "Bräuche im Salzburger Land". Dr. Ulrike Kammerhofer-Aggermann, die Leiterin des Landesinstituts für Volkskunde, hat daraus folgende Zusammenfassung zusammengestellt:

Die Heilig-Grab-Verehrung erlebte die ersten Höhepunkte bereits im 4. Jahrhundert und erneut mit den Kreuzzügen zum Heiligen Grab im Mittelalter nach Jerusalem; dieses wurde zum Zentrum der Glaubenskämpfe. Grabpartikel waren kostbare und begehrte Objekte der religiösen Verehrung. In der Gegenreformationszeit und im Barock entstand schließlich eine Fülle von Heiligen Gräbern, kunstvoll mit Öllampen und Wasser gefüllten Schusterkugeln beleuchtet, oft mit Wassermechanik und Theaterprospekten versehen. Vor diesen Gräbern hielten die Gläubigen Wache oder spielten Grabtheater. Die Fronleichnamsbruderschaft in der Stadt Salzburg etwa errichtete im Barock ein Grabtheater in ihrer Kapelle in der Kaigasse, für das Blumen und Gebüsche gekauft und gemietet wurden. Die Mitglieder wechselten sich - in dafür gekauften Uniformen - als Grabwächter rund um die Uhr ab.

Ein barocker Grabprospekt ist u.a. im Museum Saalfelden erhalten. Für den privaten Gebrauch entstanden eine Fülle kunsthistorisch unterschiedlich bedeutsamer Guckkästen und Vitrinen ("Eingrichtkastel"). Hinterglas-Malereien aus dem 18. und 19. Jahrhundert, die für die ärmere Bevölkerung erschwinglich waren, stellen Heilige Gräber dar. Bis ins 20. Jahrhundert gehörte das andächtige Besuchen der Heiligen Gräber zu den religiösen Übungen der Gläubigen und zur Freude der Kinder.

Das Heilige Grab von Höglwörth ist eines der letzten großen barocken "Herren-Gräber" Bayerns. Es kann auf eine bewegte Geschichte zurückblicken, denn im 18. Jahrhundert wurde es vom damals zuständigen Salzburger Erzbischof, wie viele andere Bräuche, eine Zeit lang verboten. Das Grab wurde offensichtlich versteckt und hat das Verbot dadurch überlebt. Um 1840 bestand es wieder und erlebte Mitte des 20. Jahrhunderts eine weitere Abschaffung. Durch die Reform der Osterliturgie zwischen 1951 und 1955 erloschen viele Gräber ganz. Erst rund um das Jahr 2000 erleb(t)en noch erhaltene Gräber eine Renaissance.

Gedächtniskirche in Jerusalem als Vorbild

Seit der Entdeckung des Heiligen Grabes in Jerusalem durch Helena, die Mutter Konstantins des Großen, im 4. Jahrhundert war es als ein Ort der Grabesruhe und Auferstehung Jesu eine Stätte magischer Anziehungskraft für die Christenheit. Über dem Grab ließ Kaiser Konstantin etwa im Jahr 326 eine Gedächtniskirche in Jerusalem errichten. Diese Rundkapelle wurde Vorbild für Kirchen und Grabbauten, in denen oft Grablegungsspiele gespielt wurden (z.B. die Michaelskapelle vor der Propstei zu Neustift bei Brixen, 9. Jahrhundert).

Aus Erhebungsbögen der Generalvisitationen sowie aus Kirchenrechnungen gehen Hinweise auf die Heiligen Gräber hervor: So wurden etwa im Jahr 1642 in Stuhlfelden der Maler und Tischler für Arbeiten am Hl. Grab entlohnt, 1751 suchte der Vikar von Scheffau um die Errichtung eines großen Grab-Gerüstes für die Seitenkapellen an.

In einigen Gemeinden des Landes Salzburg werden menschliche Grabwächter statt der Kulissen erwähnt, z.B. am Dürrnberg die Bergknappen, in Oberndorf die Schützen der Schiffergarde oder in Bischofshofen die Bauernschützen. Der Mesner der Stiftskirche St. Peter in Salzburg baut seit Jahren das Heilige Grab in einer Seitenkapelle auf. In Kuchl wurde das Heilige Grab immer aufgerichtet. Auf Initiative von MMag. Michael Neureiter begann im Jahre 2000 die Wiederbelebung der Heiligen Gräber im Tennengau in mehr als 14 Pfarren.

Heilige Gräber in Bayern

Im Jahre 1852 berichtete Marie Schultze, eine vertraute Freundin der Königin Marie, dass Kronprinz Ludwig von Bayern schon als Kind gerne ein Heiliges Grab aufrichtete, obwohl die Errichtung von Hl. Gräbern in der Karwoche 1782 von Kaiser Josef II. für das Reich verboten worden war. Am 10. März 1803 folgte in Bayern ein Verbot der Glaskugeln, Statuen und Wasserkünste, als einer "Entwürdigung der Kirche", das 1805, als Tirol zu Bayern kam, auch dort wirksam wurde. Erst ab 1814/15, durch die Gebietsaufteilungen beim Wiener Kongress, durften Heilige Gräber mit ihren Bräuchen wieder existieren. "In Wahrheit wird von unseren Katholiken keine andere Andacht so sehr geliebt und geschätzt wie das Heiliggrab", schrieb der Münchner Stadtpfarrer Kagerer am Ende des 19. Jahrhunderts. Vielfach entstanden neue, einfachere Heilige Gräber im Stil der Nazarener oder der Neogothik. Der bis zur Erneuerung der Karfreitags- und Osternachtsliturgie 1955 weithin gepflegte Brauch, das Heilige Grab in der Karwoche aufzustellen, erfreut sich seit einigen Jahren wieder steigender Beliebtheit.

Das Grab hat sich vom "Nachbau" der Jerusalemer Heiliggrabkapelle (z.B. in Eichstätt, 1160), über den Bau von Beinhäusern und Friedhofskapellen im 12. und 13. Jahrhundert, die oft Reliquien, Erde oder Wasser aus dem Heiligen Land enthielten, bis hin zur grandiosen Kulissen-"Maschinerie" des Barock entwickelt.

In der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts kam das Heiliggrab mit Figuren des Leichnam Christi, der schlafenden Wächter und der frommen Frauen auf. Ein sehr gut erhaltenes Beispiel von zirka 1335 befindet sich im Freiburger Münster. Bei der Niederlegung des Kreuzes am Karfreitag wurde anfänglich als Symbol für den Leichnam ein verhülltes Kreuz in Prozession zum Grab getragen und darin "deponiert". Spätestens ab dem 14. Jahrhundert wurde das Kreuz durch einen plastischen Leichnam ersetzt. Vielfach wurde vor oder über dem Grab religiöses Theater, als Veranschaulichung des Heilsgeschehens, für die Bevölkerung gespielt. Nach dem Konzil von Trient, nach 1563, wurde das religiöse Schauspiel von den Jesuiten zur Meisterschaft gebracht; Zentren waren München, Graz, Wien, Prag und Innsbruck.

Beleuchtung mit bunten Schusterkugeln

Die Beleuchtung der Heiligen Gräber, mit so genannten Schusterkugeln folgte einem im 15. und 16. Jahrhundert üblichen Beleuchtungsprinzip der Handwerker und Theaterleute, nämlich das Licht einer Kerze oder eines Fettgefäßes mit Docht durch eine davor gestellte, mit Wasser gefüllte Glaskugel zu reflektieren bzw. zu bündeln oder zu färben.

Die Mischung der Farben für die Glaskugeln war eine Wissenschaft für sich. Eine rote Farbe wurde z.B. mit Lackmus erreicht, ein Gelbton durch das Aufkochen von Zucker in einer Messing- oder Kupferkanne sowie durch Safran. Blaue und grüne Töne wurden mit Grünspan, Salmiak, Pottasche, Weinstein oder Alaun hergestellt. An manchen Orten war es auch üblich, als Füllung Rotwein, Weißwein oder Most zu verwenden. Die Kugeln wurden meist auf Ringe aus Metall oder Holz gestellt, an denen oft auch die Öllämpchen befestigt waren.

An manchen Heiliggräbern wurden besondere Lichteffekte und mechanische Szenen erzeugt. In Aschau am Chiemsee zum Beispiel gab es einen Strahlenkranz aus 325 Glaskristallsteinen. In Höglwörth ist im Zentrum der Anlage ein aus Glasperlen gebildetes, drehbares Sonnenrad montiert, das durch ein Uhrwerk betrieben wird. Höglwörth blieb offenbar durch die 1836 vollzogene Neuorganisation der Pfarrei durch König Ludwig I. erhalten. Im 19. Jahrhundert wurde u.a. die Bühne in Höglwörth erneuert und ein neuer Mechanismus für den Springbrunnen und die beweglichen Figuren erdacht. o69-20