Heilwissen, Vereinigte und Ranggler als Traditionen geschützt

Eberle: Erste Eintragung in nationales Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes in Österreich / Neue Wertschätzung

Salzburger Landeskorrespondenz, 20.04.2010
 

(LK)  "Besonders stolz bin ich für Salzburg, dass das Hundstoaranggln, die Vereinigten zu Tamsweg und das Heilwissen der Pinzgauerinnen und Pinzgauer in die nationale Liste aufgenommen wurden", so Volkskulturreferentin Landesrätin Doraja Eberle heute, Dienstag, 20. April, bei der Präsentation der ersten in das nationale Verzeichnis aufgenommenen Traditionen und der Überreichung der Urkunden in Salzburg.

"Ich sehe für das Land Salzburg und für seine Regionen durch die Aufnahme in das regionale Verzeichnis eine neue Möglichkeit, auf regionale Besonderheiten hinzuweisen. Es wird damit eine neue Form von Wertschätzung erreicht. Wenn sich die klassische Reitkunst der Spanischen Hofreitschule und die Pinzgauer Ranggler auf einer Liste finden, so ist das insbesondere auch für die ‘Kleinen‘ ein wichtiger Schritt zu einer neuen Form von Anerkennungskultur", so Eberle weiter. Längerfristig wäre es erstrebenswert, wenn mit dieser Liste und ihren vielen Aspekten (Handwerk, Theater, Lied, Volksmusik, Bräuche, Rituale) ein neues Bewusstsein und Wissen über Kultur geschaffen wird.

"Gerade nach den ersten Nominierungen gibt es jetzt ein besonderes Interesse von Gruppen und Vereinen, die auch auf die Liste möchten. Das erfordert für jeden Einzelnen, der sich bewirbt, auch eine intensive Auseinandersetzung mit der Volkskultur oder dem Handwerk und kann so auch eine neue Identifikation bringen", sagte Eberle. Immaterielles Kulturerbe sei ein sehr spröder Begriff. Bei näherer Beschäftigung eröffne sich jedoch eine durchwegs sinnliche Welt. "Es geht hier nämlich nicht um museales Erbe, sondern um unsere alltägliche Auseinandersetzung mit dem Leben. Schließlich verbirgt sich dahinter alles, was unser Zusammenleben, unsere Wahrnehmung ausmacht: Wie kommunizieren wir, wie erleben wir Musik und Tanz, welche Geschichten erzählen wir unseren Kindern, wie feiern wir unsere Feste, wie nutzen wir die natürlichen Ressourcen unserer Umwelt, wie gehen wir mit unseren älteren Generation um, welche Rolle spielen Spiritualität, Krankheit und Tod? Schutz im Sinne der Konvention bedeute aber gerade nicht den berühmten Glassturz, die Erhaltung eines bestimmten Zustandes, nicht Musealisierung, sondern Lebendigkeit in der Weitergabe und Möglichkeit zur Entwicklung", betonte Volkskulturreferentin Eberle abschließend.

"Ein Kulturerbe ist für ein Land und seine Menschen wie das Erbe in einer Familie: Die Vorfahren haben es mühevoll geschaffen und es an die Nachkommen weitergegeben, damit diese ein gutes, ein besseres Leben haben, die Kontinuität in der Familie und im Land erhalten, aus dem Wissen und den Leistungen von früher etwas Neues und Erweitertes machen", so die Leiterin der Kulturabteilung des Landes, Hofrätin Dr. Monika Kalista, in ihrer Begrüßungsansprache. Ein Erbe könne auch belastend sein, so Dr. Kalista weiter, "einerseits weil nicht alles in der Vergangenheit im einzelnen Leben und in unser aller Geschichte gut war, das wir übernehmen müssen, andererseits aber weil es auf alle Fälle eine Verpflichtung darstellt, ein Erbe zu verwalten und zu nützen. Mit der Übernahme dieser Urkunden bürgen Sie auch dafür, dass Ihre Institution dieses Erbe weiter pflegt, und mit der Übergabe der Urkunden sichern Land und Staat und internationale Organisationen, dass sie diese unsere nunmehr offiziell dokumentierten kulturellen Besonderheiten achten und schützen werden", sagte Dr. Kalista in Richtung der Ausgezeichneten.

In Salzburg kennen die meisten die UNESCO und ihre Arbeit in erster Linie durch das Weltkulturerbe. Auch die Altstadt von Salzburg zählt dazu und wurde 1997 in diese Liste aufgenommen. Im Jahr 2003 wurde die Konvention zum Erhalt des immateriellen Kulturerbes verabschiedet. Danach verpflichtet sich jeder Vertragsstaat zu einer Reihe von Maßnahmen, um diese Konvention auf nationaler und internationaler Ebene durchzuführen. Auf nationaler Ebene bedeute dies die Erstellung von Inventarlisten des auf unserem Staatsgebiet befindlichen immateriellen Kulturerbes, international gesehen bestehe ein zwischenstaatliches Komitee, das auf Vorschlag der Vertragsstaaten eine repräsentative Liste des Kulturerbes der Menschheit zu erstellen habe, erläuterte die Leiterin der Kulturabteilung. "Das UNESCO-Übereinkommen geht weit über den Bereich der Volkskultur oder gar der Folklore hinaus und weist kulturpolitisch entscheidende Richtungen auf. Die Schutzmaßnahmen der Welterbe-Konvention, die aus dem Jahr 1972 stammt, wurden deutlich ausgeweitet. Mit dieser UNESCO-Konvention findet der Begriff Immaterielles Kulturerbe auch Eingang in das Völkerrecht. Gesellschaftlicher Zusammenhalt, Dialog zwischen den Kulturen und auch soziale und wirtschaftliche Entwicklungen sind damit verbunden", so Dr. Kalista.

Hundstoaranggeln

Antragsteller war der Salzburger Rangglerverband mit Hans Bernsteiner, eingereicht wurde im Bereich gesellschaftliche Praktiken. Die Tradition umfasst laut dem Antragsteller die älteste Sportart, die im Alpenraum ausgetragen wird: das Hundstoaranggeln auf dem Hohen Hundstein im Pinzgau, dessen Wurzeln bis ins 14. Jahrhundert reichen. 

Vereinigte zu Tamsweg

Antragsteller hier waren die Vereinigten zu Tamsweg mit Raimund Schiefer in den Bereichen darstellende Künste und gesellschaftliche Praktiken. Das Element umfasst eine von Lungauer Handwerkern 1738 gegründete Begräbnisbruderschaft. Sie ist die älteste, durchgehend existierende Vereinigung von Bürgern und berufstätigen Männern im regionalen Umfeld von Tamsweg. Sie begleiten Begräbnisse, nehmen an kirchlichen Prozessionen teil und halten jährlich zwischen 1. Jänner und dem Samstag nach Aschermittwoch die Vereinigtenoktav (eine Festwoche) ab.

Heilwissen der Pinzgauerinnen und Pinzgauer

Antragsteller war der Verein Traditionelle Europäische Heilkunde mit Theresia Harrer und Mag. Karin Buchart für den Bereich Umgang mit der Natur. Diese Heilkunde umfasst gesammeltes Wissen rund um die Heilmittel und deren praktische Anwendung im Pinzgau. Es liegt eine Liste mit 106 Heilmitteln, deren Indikationen und Wirkungen vor.

Aufnahme in nationales Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes

Ein Kriterium zur Aufnahme in das nationale Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes ist, dass die Tradition als Bestandteil des Kulturerbes verstanden wird. Es werden mündlich überlieferte Traditionen und Ausdrucksformen, einschließlich der Sprache als Trägerin des immateriellen Kulturerbes, darstellende Künste, gesellschaftliche Praktiken, Rituale und Feste, Wissen und Praktiken in Bezug auf die Natur und das Universum und traditionelle Handwerkstechniken berücksichtigt. Weitere Bedingungen für die Aufnahme: eine generationenübergreifende Weitergabe, es soll ein Gefühl von Identität und Kontinuität gegeben sein, wodurch die Achtung vor der kulturellen Vielfalt und der menschlichen Kreativität gefördert wird. Es sollte eine weitreichende Beteiligung von Gemeinschaften und Gruppen, die dieses Erbe schaffen, pflegen und weitergeben, nachweisbar sein.

Das Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes in Österreich ist im Internet unter http://nationalagentur.unesco.at/cgi-bin/unesco/element.pl?bl=5 erreichbar. o83-60c 

Franz Neumayr wird den Redaktionen für das Landespressebüro Fotos von der Präsentation anbieten.