Festschützen und Samsonträger sind Immaterielles Kulturerbe

Eberle: Salzburger auch in der zweiten Runde der Eintragungen im nationalen Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes vertreten

Salzburger Landeskorrespondenz, 05.10.2010
 

(LK)  Das Salzburger Festschützenwesen und das Samsontragen im Lungau und im Bezirk Murau sind neue Bräuche im nationalen Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes in Österreich. "Ein Kulturerbe ist für ein Land und seine Menschen wie das Erbe in einer Familie: Die Vorfahren haben es mühevoll geschaffen und es an die Nachkommen weitergegeben, damit diese ein gutes und besseres Leben haben, die Kontinuität in der Familie und im Land erhalten und aus dem Wissen und den Leistungen von früher etwas Neues und Erweitertes machen." Das betonte die für die Volkskultur ressortzuständige Landesrätin Doraja Eberle heute, Dienstag, 5. Oktober, bei der Präsentation der österreichischen Neuaufnahmen in das nationale Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes der UNESCO in Wien.

Neben zehn anderen österreichischen Bewerbern wurden aus dem Land Salzburg das Salzburger Festschützenwesen und das Samsontragen im Lungau und im Bezirk Murau (Steiermark) durch den Fachbeirat ausgewählt. Beide Salzburger Elemente wurden in der Kategorie Gesellschaftliche Praktiken, Rituale und Feste in die Liste aufgenommen.

Festschützenwesen: Ursprünge bis ins 13. Jahrhundert

Das Salzburger Festschützenwesen (Antragsteller: Landesverband der Salzburger Schützen, Herbert Handlechner) ist in unterschiedlichen Ausformungen Bestandteil des Brauchtums in ganz Salzburg. Obwohl vor allem das zum Schießen verwendete Gerät sich von Ort zu Ort massiv unterscheidet - der Bogen reicht von traditionellen Holzgewehren bis hin zu Prangerstutzen und Böllern - sind die Aufgaben, die die Schützenvereine in den Gemeinden wahrnehmen, im ganzen Salzburger Land meist sehr ähnlich. Es besteht ein großes Interesse der jungen Generation an der weiteren Ausübung der Salzburger Festschützentradition. In vielen Fällen werden nicht nur die Kenntnisse, sondern auch die verwendeten Feuerwaffen von Generation zu Generation in der Familie vom Vater an den Sohn weitergegeben. Das führt dazu, dass manche noch heute verwendete Prangerstutzen teils mehr als 200 Jahre alt sind.

Die Ursprünge der Salzburger Schützentradition gehen bis ins 13. Jahrhundert zurück. Die heutigen Festschützen entwickelten sich vor allem aus den Bürgerwehren der Städte und Märkte, die eine wichtige Rolle für die Landesverteidigung spielten. Vor etwa 400 Jahren entstand dann im gesamten Salzburger Land der Brauch, diese Schützenvereinigungen auch in die Gestaltung weltlicher und vor allem kirchlicher Feiern mit einzubeziehen. Dadurch entstand jenes Lärmbrauchtum, das sich im Laufe der Zeit zu einem Fixpunkt in den traditionellen Festen der Kirche, zur Ehre von Würdenträgern, aber auch zu persönlichen Anlässen wie Taufe, Hochzeit oder Begräbnis entwickelte. Das Schützenwesen ist eng mit anderen Traditionen der Region verbunden, und die verschiedenen Schützenvereine verbindet insbesondere ein ausgeprägtes Glaubens-, Heimat-, Geschichts- und Gemeinschaftsbewusstsein. Die Verbundenheit mit der katholischen Kirche ist bis heute sehr innig.

Aktuell gibt es mehrere Risikofaktoren im Hinblick auf die Bewahrung der traditionellen Salzburger Festschützentradition. So ist auch heute eine Vereinnahmung für politische Zwecke eine Gefahr für die Unverfälschtheit des Brauchtums. Des Weiteren ist eine Sinnentleerung durch die Tourismusbranche zu befürchten, ebenso wie eine zu starke Einflussnahme durch Unternehmen, die versuchen, die öffentliche Präsenz der Schützenvereine durch großzügiges Sponsoring für ihre Zwecke zu missbrauchen. Auch Einschränkungen durch das seit 1974 verschärfte Pyrotechnikgesetz beeinträchtigen die uneingeschränkte Ausübungsfreiheit der Salzburger Festschützen. Ein letzter Punkt ist die finanzielle Abhängigkeit von staatlichen Einrichtungen durch Förderungen, was oft zu einer negativen Einflussnahme in die inneren Angelegenheiten des Brauchtums führt.

Samsontragen geht auf die Barockzeit zurück

In Österreich ist der Brauch des Samsonumzugs (Antragsteller: Gauverband der Lungauer Heimat- und Brauchtumsvereinigungen, Gauobmann Eduard Fuchsberger) nur im Lungau sowie in zwei Gemeinden der angrenzenden Steiermark beheimatet. Er ist fixer Bestandteil des regionalen Brauchtumskalenders und sorgt immer für regen Zulauf. Die Umzüge werden von der eigenen Samsongruppe, der Bürgergarde oder einer Schützenorganisation organisiert. Die Bevölkerung nimmt aktiv an ihnen teil, viele Zuschauerinnen und Zuschauer verstehen das Samsontragen als touristische Attraktion. Das Brauchtum wird von den Samsongruppen aufrechterhalten, findet aber auch durch die Gemeinden und die Musikvereine jegliche Unterstützung. Es geht auf die Barockzeit zurück, als auf Betreiben der Kapuziner zu Fronleichnam und am Bruderschaftsmontag prunkvolle Umzüge mit Darstellungen aus der Bibel auf großen Schauwägen abgehalten wurden. In den Reihen der Schützen wurde die Riesenfigur des Samson, eines alttestamentarischen Richters, mitgeführt.

Spätestens gegen Ende des 18. Jahrhunderts verbot die Aufklärung und die damit verbundene Reformierung des religiösen Brauchtums das Mitführen von Riesenfiguren bei Prozessionen. Seitdem finden die Umzüge nicht mehr bei Prozessionen, sondern davor und danach statt. Die Ausbreitung der Samsontradition auf verschiedene Gemeinden erfolgte aus unterschiedlichen Motiven: als Ausdruck der Volksfrömmigkeit, als Zeichen eines erstarkenden Traditionsbewusstseins oder zur Belustigung der Bevölkerung. Heute rücken die Samsonfiguren abgesehen von den Umzügen an den Prozessionstagen zu besonderen Anlässen für die Heimatgemeinden oder in Zusammenarbeit mit den Fremdenverkehrsverbänden aus. Umgangsriesen kennt man auch in anderen europäischen Ländern wie Spanien, Belgien, Portugal oder Frankreich. Eindrücklich in Erinnerung bleiben Samsontreffen, an denen alle Gruppen des Lungaues sowie aus Murau und Krakaudorf teilnehmen - wie etwa 2002, als Umgangsfiguren aus Matadepera (Spanien) ihrer Partnergemeinde Mariapfarr die Aufwartung machten.

Der Samsonumzug ist in den Festkalender der Gemeinden fest eingebunden und erfreut sich überregionaler Beliebtheit. Die Erhaltung des Brauchs ist daher gegenwärtig nicht gefährdet.

Bereits fünf Salzburger Bräuche sind Immaterielles Kulturerbe

Bereits vor den heutigen Neuaufnahmen sind drei Salzburger Bräuche auf der Nationalen UNESCO-Liste zur Erhaltung des Immateriellen Kulturerbes gelistet: das Hundstoaranggeln, Vereinigte zu Tamsweg und das Heilwissen der Pinzgauerinnen, mit den beiden neuen Elementen sind es nun fünf. Österreichweit sind es 18 von einer Fachjury ausgewählte Elemente. Alle Aktivitäten sind wertvolle regionale Traditionen, die von der Organisation der Vereinten Nationen für Erziehung, Wissenschaft und Kultur (UNESCO) als Immaterielles Kulturerbe bezeichnet und weltweit dokumentiert werden.

Insgesamt haben sich für die zweite Entscheidungsrunde bundesweit 19 Institutionen beziehungsweise Einzelpersonen mit speziellen regionalen Traditionen, Handwerkstechniken, Ritualen und Praktiken beworben. Unter anderem finden sich unter den Einreichungen die Ötztaler Mundart, die Wiener Ballkultur oder die Wiener Dudler. Weitere Informationen zum Immateriellen Kulturerbe gibt es unter www.unesco.at/nationalagentur im Internet.

In Ergänzung zur UNESCO-Welterbekonvention (1972) wird seit 2003 auch den vielfältigen gelebten Traditionen internationale Aufmerksamkeit geschenkt und unter dem Begriff Immaterielles Kulturerbe weltweit von der UNESCO dokumentiert und geschützt. Immaterielles Kulturerbe im Sinne des UNESCO-Übereinkommens sind mündlich überlieferte Traditionen und Ausdrucksformen einschließlich der Sprache als Trägerin des Immateriellen Kulturerbes, darstellende Künste, gesellschaftliche Praktiken, Rituale und Feste, Wissen und Praktiken in Bezug auf die Natur und das Universum und traditionelle Handwerkstechniken. Internationale Beispiele sind das traditionelle Holzhandwerk der Zafimaniry auf Madagaskar, der argentinische Tango, die Manden Charta als älteste Verfassung der Welt in Mali oder die tibetische Oper. Die Repräsentative Liste umfasst derzeit 166 kulturelle Ausdrucksformen aus 80 Ländern. Nähere Informationen dazu gibt es unter www.unesco.org/culture/ich im Internet.

Österreich ist seit 9. Juli 2009 Vertragsstaat, federführend für die Umsetzung der Konvention in Österreich ist das Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur. International haben bisher 130 Staaten das UNESCO-Übereinkommen bereits ratifiziert - darunter 18 EU-Staaten.

Wer kann sich für die nationale Liste bewerben? Alle Gemeinschaften, Gruppen oder auch Einzelpersonen, die sich als Träger/innen von speziellen Praktiken, Darbietungen oder von besonderem Wissen verstehen. Ein Fachbeirat mit Vertreter/innen aus Bund, allen Bundesländern sowie Expert/innen entscheidet über die Aufnahme ins österreichische Verzeichnis. Die Bewerbungsunterlagen sind jederzeit unter www.unesco.at/nationalagentur online verfügbar. o217-53