Napoleons Russlandfeldzug betraf auch Salzburg

Buch "Der Russlandfeldzug 1812 und der Salzachkreis" im Salzburger Landesarchiv präsentiert
Salzburger Landeskorrespondenz, 25. April 2013

(LK)  "Die militärischen Auseinandersetzungen in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts erscheinen uns 200 Jahre später auf den ersten Blick als harmlos, ja fast idyllisch. Die bunten Uniformen und die Bewaffnung, die wir oftmals nur von Brauchtumsveranstaltungen, wie zum Beispiel Schützenaufmärschen kennen, tragen das ihre dazu bei, dieses verzerrte Bild entstehen zu lassen. Dennoch, die letzte und tödliche Konsequenz in allen militärischen Auseinandersetzungen war und ist das Leid und der Tod tausender Soldaten und unschuldiger Zivilisten. Dies gilt für den Russlandfeldzug 1812 genauso wie für die heutigen Kriege in Afghanistan, Syrien oder in Mali. Gerade diesem Aspekt, der Betrachtung der Kämpfe und ihrer Folgen und Hintergründe möglichst von unten und nicht aus der Sicht der Feldherren und hohen Generäle, widmet sich der vorliegende Sammelband."

Diese Worte stellte der Direktor des Salzburger Landesarchivs, Mag. Dr. Oskar Dohle, gestern, Mittwoch, 24. April, der Präsentation des Buches "Der Russlandfeldzug 1812 und der Salzachkreis" im Beisein von Landesamtsdirektor Hofrat Dr. Heinrich Christian Marckhgott und der Herausgeberin und ehemaligen Landesarchivdirektorin Dr. Friederike Zaisberger voran. Grußworte gab es darüber hinaus von Dr. Emmerich Riesner, Präsident der EuRegio Salzburg – Berchtesgadener Land – Traunstein und Bürgermeister von Neumarkt am Wallersee als Projektpartner dieser Veröffentlichung sowie von Honorarprofessor Dr. Hermann Rumschöttel, ehemaliger Generaldirektor der Staatlichen Archive Bayerns und Mitautor.

22 Autorinnen und Autoren aus Stadt und Land Salzburg, Bayern, Oberösterreich und Tirol haben in den Kapiteln "Der Salzachkreis 1810-1816, Napoleons Feldzug gegen Russland 1812, Kriegsfolgen in der Heimat, Nachleben der Franzosenkriege" versucht, die Lebensumstände der Soldaten im Feld und die Probleme in der Heimat mit Rekrutierungen, Einquartierungen, Kriegskosten-Zahlungen, klimatisch bedingten Missernten und dem Mangel an Arbeitskräften darzustellen.

Napoleon: Salzburg kann Viele ernähren

Die Schwierigkeiten mit der Festlegung der neuen Staatsgrenze zwischen Bayern und Österreich an Saalach und Salzach nach 1813 führten beinahe in einen neuen Krieg. Wie gut Napoleon über die wirtschaftlichen und strategischen Verhältnisse im Raum Salzburg Bescheid wusste, zeigt seine Bemerkung, dass "Salzburg Viele auf der Welt ernähren könne". Die Position Bayerns und der Aufbau bzw. Einsatz der russischen Armee werden ausführlich beschrieben.

Nur 250 Mann kehrten zurück

Bei den Nachforschungen musste allerdings festgestellt werden, dass in offiziellen, zeitgleichen Nachrichten innerhalb des Salzachkreises die Katastrophe des Kriegs von 1812 nicht erwähnt wird, daher auch keine Überlieferung von Kämpfen in lokalen Quellen gefunden werden konnte. Nur Tagebücher und Briefe einzelner Kriegsteilnehmer vermitteln ein Bild der unvorstellbaren Strapazen. Von den rund 2.550 nach Russland 1812 ausgerückten Männern aus dem Salzachkreis kehrten Mitte 1813 nur 250 Mann zurück. Die Funde des 2001 in Vilnius (Litauen) entdeckten Massengrabes mit rund 3.000 Skeletten bezeugen nicht nur den Untergang der "Grande Armée", sondern auch der nach Vilnius geflüchteten Bayern. In den folgenden Kämpfen in Frankreich fielen nochmals mehr als hundert Mann des Regimentes aus dem Salzachkreis.

Auch Nannerl Mozart spendete für Soldaten

Erst für die so genannten Befreiungskriege gibt es Zeitungsberichte. So wurden etwa Namenslisten derjenigen veröffentlicht, die den "Spenden-Aufforderungen" für Geld, Waffen, Kleidung  und anderes Folge geleistet hatten. Unter ihnen befinden sich die ehemaligen Feinde der Bayern, die Schützenhauptmänner Joseph Struber und Peter Sieberer, aber auch Nannerl Mozart, die "Freiin von Sonnenburg", zahlreiche Vereine wie die "Schlitten-Gesellschaft in Saalfelden", die "Theaterfreunde zu Waging" oder der "Frauenverein von Mondsee". Beiträge über "Frauen im Krieg", die medizinische Versorgung, Auszeichnungen, Fahnen und Landkarten runden die Schilderung einer schrecklichen Zeit ab.

Erinnerungskultur seit 1830

Im Königreich Bayern setzte die "Erinnerungskultur" 1830 mit der Gründung von Veteranenvereinen und der Aufstellung von Denkmälern ein. In den heute österreichischen Teilen des einstigen Salzachkreises ist jede Erinnerung an eine Beteiligung in diesem grausigen Krieg verschwunden, obwohl sich 130 Jahre später Geschehen und Begleitumstände wiederholten. In den heutigen Bezirkshauptmannschaften Kitzbühel (1810 bis 1814), Ried im Innkreis und Vöcklabruck (im Hausruckviertel) ist die Zugehörigkeit zum Salzachkreis mit der Hauptstadt Salzburg (1810 bis 1816) vergessen. Ein Denkmal im Friedhof von St. Peter, Votivtafeln in Maria Kirchenthal, eine Fotografie des Pinzgauer Feldzug-Teilnehmers Millinger und die Fahne des Kameradschaftsbundes Berndorf sind die einzigen bildlichen Erinnerungen an den Russlandfeldzug 1812 im heutigen Bundesland Salzburg.

Das 520 Seiten starke Buch ist ausschließlich im Salzburger Landesarchiv, Michael-Pacher-Straße 40, 5020 Salzburg, E-Mail: landesarchiv@salzburg.gv.at, um 27 Euro erhältlich. r93-60b