Gewässer als Fieberthermometer für den Klimawandel

Rössler: Nationalpark Hohe Tauern beweist Weitblick bei der Erforschung von Klimaveränderungen
Salzburger Landeskorrespondenz, 06. November 2013

(LK)  Der Nationalpark Hohe Tauern hat als größtes Schutzgebiet der Alpen wichtige Funktionen: Er ist Erholungsraum und Naturschauspiel, ein Ort des Erfahrens, Staunens und Lernens: Allein im Bundesland Salzburg besuchen 620.000 Menschen jährlich die Nationalparkhäuser und -ausstellungen und frequentieren die Winter- und Sommerprogramme der Nationalparkverwaltung. Der Nationalpark ist ein Hort der Biodiversität und ganz entscheidend für den Artenschutz. Er ist aber über seine Bedeutung als einzigartiges Naturjuwel hinaus auch ein kultureller Schatz, den es zu bewahren gilt.

Dazu kommt die Funktion des Nationalparks als Ausgangspunkt vielfältiger wissenschaftlicher Forschung. "Forschung im Nationalpark Hohe Tauern ist von großer Bedeutung. Ohne die permanente begleitende Forschung könnte der Nationalpark nicht diese zentrale Rolle bei der Erhaltung von Natur und Artenvielfalt einnehmen, die er hat", erklärte heute, Mittwoch, 6. November, Natur- und Umweltreferentin Landeshauptmann-Stellvertreterin Dr. Astrid Rössler in einem Informationsgespräch, bei dem ein international einzigartiges Monitoring-Programm zum Klimawandel und seinen Folgen vorgestellt wurde. Als Fieberthermometer für den Klimawandel dienen dabei die Gewässer des Nationalparks. Leiter dieses Projektes ist Univ.-Prof. Mag. Dr. Leopold Füreder vom Institut für Ökologie der Universität Innsbruck.

Länderübergreifende Forschung im Nationalpark Hohe Tauern gibt es bereits seit 1992, seither sind die drei Nationalpark-Länder Tirol, Kärnten und Salzburg in fortlaufenden Projekten zum besseren Verständnis von Flora, Fauna und Klima im Nationalpark engagiert. "Die Herausforderungen des Klimawandels und anderer, vom Menschen verursachter Einflüsse auf die Tier- und Pflanzenwelt des Nationalparks werden nun in langfristigen Projekten, die über Jahrzehnte laufen sollen, erforscht. Dieser Weitblick – im wissenschaftlichen wie hoffentlich auch im politischen Sinn – ist notwendig, um entsprechende Daten für messbare Veränderungen zu erhalten. Ich bin stolz, dass der Nationalpark und die mit und in ihm arbeitenden Menschen auch aus der Wissenschaft diesen Weitblick mitbringen und jetzt Projekte initiieren, die uns langfristig beim Schutz der Natur, unserer Landschaft, aber schlussendlich auch beim Schutz unseres Planeten helfen werden." Mit diesen Worten bedankte sich Rössler bei allen Beteiligten des Gewässermonitorings und der damit verbundenen Projekte.

Füreder: Jahrzehntelange Beobachtung der Gewässer

Aktuell wird vom Nationalpark Hohe Tauern das erste ökologische Langzeitbeobach-tungsprogramm vom Stapel gelassen. "An ausgewählten Gewässern werden in den nächsten Jahrzehnten sowohl Standortbedingungen und Umweltfaktoren als auch die Biodiversität der Gewässer genauestens gemessen und aufgezeichnet. Damit werden klimabedingte Veränderungen aufgespürt und ihre möglichen Auswirkungen auf die Ökosysteme gezeigt", sagte Univ.-Prof. Mag. Dr. Füreder beim Informationsgespräch.

Das Langzeitmonitoring kann auf mehreren Grundlagen  aufbauen. Seit vier Jahren werden von Füreder und seinem Team von der Universität Innsbruck intensive Arbeiten für die Einrichtung eines Langzeitmonitorings in vier vergletscherten Einzugsgebieten im Nationalpark Hohe Tauern durchgeführt. Nach umfangreichen Vorarbeiten seit 1998, aus dem zum Beispiel ein Gewässerinventar mit einer umfassenden Charakterisierung von etwa 1.000 Kilometern Fließgewässern und etwa 130 Seen im Gebiet des Nationalparks sowie eine Typologie von alpinen Fließgewässern vorliegen, wurden im gegenständlichen Pilotprojekt grundlegende Arbeiten der Ökohydrologie und Biologie in diesen vier repräsentativen Einzugsgebieten durchgeführt. Damit liegen erstmals Ergebnisse aus mehrjährigen Untersuchungen an alpinen Fließgewässern vor, die als Ausgangslage der räumlichen und zeitlichen Struktur und Dynamik in typischen Gebirgsgewässern für die Langzeitbeobachtung herangezogen werden können.

Ein neues Element des Gewässer-Monitorings Nationalpark Hohe Tauern ist die Messung, Auswertung und Interpretation der kausalen Zusammenhänge zwischen Hydrologie/Glaziologie, Geomorphologie und Ökologie/Biodiversität. Schon während der Einrichtungsphase zeigte sich, dass das Gewässer-Monitoring einen signifikanten Beitrag zur Biodiversitätsforschung leisten wird. So wurden über die vier Jahre mehr als 400.000 Insekten und andere wirbellose Tiere gesammelt. Von einem Großteil der hier festgestellten Gruppen von Lebewesen (aus etwa 20 Ordnungen) ist das Vorkommen und die Verbreitung nicht oder nur ungenügend bekannt.

Wissenschaftliches Neuland wird auch in der Erforschung und Eingrenzung der ökologischen Ansprüche dieser Gebirgstierarten betreten. Ein überaus wichtiges Unternehmen, da durch die prognostizierten und festgestellten Umweltveränderungen mit einem Verschwinden einzelner, gut angepasster Arten und das Auftreten neuer Arten zu rechnen ist.

Das eigentliche Werkzeug der geplanten Langzeitbeobachtung sind die Lebensgemeinschaften der Gebirgsbäche. Hier wird die herausragende Indikatorfunktion der im und am Waser lebenden Insekten und anderer wirbelloser Tiere genützt. An den nun vorliegenden Ergebnissen aus der Erhebung und Auswertung der faunistischen Gegebenheiten wurde die Anwendbarkeit dieses innovativen Ansatzes für Hochgebirgsregionen und die Tiergruppen getestet. Aus mehreren ähnlichen Untersuchungen aus dem Alpenraum ist auch ein umfangreiches Detailwissen verfügbar, was eine Analyse der räumlichen und zeitlichen Muster in Struktur und Funktion der Lebensgemeinschaften in Gebirgsgewässern ermöglicht.

Die regelmäßige Erfassung und Speicherung von ökologischen Daten ist eine Attraktion für weitere wissenschaftliche Forschung. Das Gewässer-Monitoring ist in einem internationalen Kontext und langfristig angelegt. Die Forschergruppe der Universität Innsbruck führt derzeit mehrere Untersuchungen im Gebirgsraum und in der Arktis (Spitzbergen) durch und unterhält zahlreiche Kooperationen zu Arbeitsgruppen mit ähnlicher Fragestellung in arktisch-alpinen Regionen. Aktuelle und zukünftige wissenschaftliche Ergebnisse werden regelmäßig auf internationalen Symposien präsentiert, wodurch Innovation, Aktualität, wissenschaftliche Qualität, Interdisziplinarität und sinnvolle Synergien der Untersuchungen gewährleistet sind. Internationale Begutachtungen von Projekten, Publikationen und der Wissenschaftsleistung bedeuten ein gutes Maß an internationaler Qualitätssicherung. Da sich die Forschungsziele des Projektleiters Füreder sehr am Themenschwerpunkt Klimawandel und Langzeitbeobachtung orientieren, ist auch die Langfristigkeit der Maßnahmen garantiert.

Gewässer-Monitoring als Säule der Nationalparkforschung

Schutzgebiete werden als eine langfristige und zukunftsorientierte gesellschaftliche Investition verstanden. Das Gewässer-Monitoring wird diese Funktionen des Nationalparks erkennbar und sichtbar machen. Wegen der langfristig gesicherten Schutzfunktion sind direkte anthropogene Einwirkungen minimiert. Die Ökosysteme können daher hinsichtlich ihrer natürlichen Ausprägungen charakterisiert und besonders lokale/regionale Reaktionen auf überregionale und globale Veränderungen gut dokumentiert werden. Neben der bereits seit vielen Jahrzehnten betriebenen Gletscherbeobachtung und -messung sowie der längeren Dokumentation der Vegetationsveränderung im Gebirge wird ein Gewässer-Monitoring erstmalig in dieser Dimension in einem Gebirgsschutzgebiet durchgeführt.

Bauch: Nationalpark als Freiluft-Forschungslabor

"Im Nationalpark Hohe Tauern kommen je nach Zielsetzung die ökologische Langzeitforschung, also die regelmäßige, systematische Beobachtung und Beschreibung von Ökosystemen und deren Veränderungen mit ökologischen Parametern wie hier das Gewässer-Monitoring, sowie Umweltüberwachungsprogramme zum Einsatz", sagte Mag. Kristina Bauch, Leiterin der Wissenschafts- und Forschungskoordination des Nationalparks Hohe Tauern Salzburg. Standen in den Anfängen systematischer Naturwissenschaften die Entdeckung und Erfassung der belebten und unbelebten Natur im Vordergrund, gewannen spätestens seit Errichtung des Nationalparks Hohe Tauern Forschungsarbeiten, die sich landschaftlichen Veränderungen, z.B. durch den Klimawandel oder den Rückgang der Almwirtschaft sowie den Einfluss des Menschen widmeten, an Bedeutung.

Mehr als 13.000 naturwissenschaftliche Zitate

Die naturwissenschaftliche Bibliografie zu den Hohen Tauern listet heute mehr als 13.000 Zitate auf. Die Untersuchung der Schmetterlinge erbrachte den Nachweis von mehr als 1.300 Arten, darunter einigen neuen, bei etwa 4.000 bekannten Schmetterlingsarten in ganz Österreich. Die flächendeckende Moorkartierung belegt das Vorkommen von 766 überwiegend intakten Niedermooren mit einer Gesamtfläche von knapp 14 Quadratkilometern. An einem einzigen Tag zur Artenvielfalt erfassen Wissenschaftler mehr als 1.800 Arten im Nationalpark Hohe Tauern. Die Luftbildinterpretation differenziert 1.492 Einzelkategorien an Oberflächenbedeckungsformen. Die Biodiversitätsdatenbank enthält bereits mehr als 280.000 Datensätze von mehr als 10.000 verschiedenen Taxa (d.h. Arten und Unterarten von Tieren, Pflanzen und Pilzen) im Gebiet. Forschung im Nationalpark Hohe Tauern zu betreiben, bedeutet auch Umgang mit Superlativen zu pflegen, erläuterte Bauch.

Forschungskonzept 2020 mit sechs Schwerpunkten

Das Forschungskonzept 2020 umfasst sechs inhaltliche Schwerpunktbereiche: Eine Zielvorstellung ist, neben der systematischen Inventarisierung der Schutzgüter (z.B. Arten, Lebensräume, Prozesse wie die Wiederbesiedlung der Gletschervorfelder durch den Rückgang der Gletscher), auch Systemzusammenhänge (z.B. vergleichende Studien entlang von Schutz- und Nutzungsgradienten) und Wirkungen (Einfluss des Menschen) zu erforschen.

Bereits umgesetzt sind zahlreiche Projekte zur Erfassung der Biodiversität (z.B. Schmetterlinge, Heuschrecken, Vögel, Fledermäuse, Flechten) bzw. der Naturausstattung auf Habitat- und Landschaftsebene (z.B. Luftbildinterpretation, Kartierung der Moore, Biotope, Almen, Gewässer). Die Erforschung von Systemzusammenhängen, Prozessen und Wechselwirkungen findet hinsichtlich einer ökologischen Langzeitforschung erstmals systematisch und langfristig in Form des Gewässer-Monitorings statt.

Im Bereich des Managements hat der Nationalpark Hohe Tauern die Zielvorstellung, praxisorientiertes Wissen gestützt auf wissenschaftliche Methoden und Erkenntnisse zu erarbeiten. Maßnahmen zur Erfolgs- und Effizienzkontrolle, die der Qualitätssicherung dienen sollen, stehen hier im Vordergrund.

Aktuell werden dazu z.B. Projekte zur Wildökologischen Begleitforschung, Telemetrie (Besenderung) von Gamswild, Rotwild, Steinwild, Bartgeier und Gänsegeier, oder die Wiederansiedlung der "Urforelle" durchgeführt.

Darüber hinaus führt der Nationalpark Hohe Tauern seit 1996 alle vier Jahre ein internationales Symposion zur Forschung in Schutzgebieten durch, zuletzt im Juni 2013 in Mittersill. Neben einer Standortbestimmung sind diese mittlerweile international beachteten Zusammenkünfte vor allem eine erfolgreiche Plattform für den Dialog über Methoden und Ergebnisse sowie der Pflege der unverzichtbaren Forschungspartnerschaften.

Das Forschungskonzept 2020 des Nationalparks Hohe Tauern ist auf der Nationalpark-Website zu finden. r246-110