Salzburgs Sport in der NS-Zeit: Siegen für den Führer

Berthold: Neue Publikation präsentiert / Salzburg Vorreiter bei wissenschaftlicher Aufarbeitung des Sports während der NS Zeit

Salzburger Landeskorrespondenz, 22.03.2018
 

(LK) Als erstes Bundesland Österreichs hat sich das Land Salzburg umfassend mit der Geschichte des Sports während der nationalsozialistischen Herrschaft auseinandergesetzt. Am Donnerstag präsentieren Sportlandesrätin Martina Berthold, Landessportdirektor Walter Pfaller sowie die Herausgeber Minas Dimitriou, (Universität Salzburg, IFFB Sport- und Bewegungswissenschaft), Andreas Praher, (Universität Salzburg, Fachbereich Geschichte) und Landesarchivdirektor Oskar Dohle im Kuenburgsaal (Neue Residenz) das mehr als 430 Seiten starke Buch.

Der Nationalsozialismus setzte den Sport von Beginn an für seine Propaganda ein. Mit Sport konnten die Massen erreicht und mobilisiert werden. Nach dem "Anschluss" im Jahr 1938 wurden rasch auch die Sportstrukturen umgebaut und arisiert. Jüdische und katholische Vereine wurden aufgelöst, andere Sportvereine wurden in den "Deutschen Reichsbund für Leibesübungen" (ab 1939 "NS-Reichsbund für Leibesübungen") eingegliedert. Jüdische Bürgerinnen und Bürger wurden aus dem Sportleben ausgeschlossen, ihnen wurde die Nutzung von Sportanlagen untersagt. Wie Sport für die NS-Rassenideologie, für propagandistische Ziele wie der "Volksgesundheit" und den Vernichtungskrieg eingesetzt wurde, wird im Band "Salzburgs Sport in der NS-Zeit. Zwischen Staat und Diktatur" genau nachgezeichnet.

Dunkles Kapitel unserer Geschichte

"Mit dem neuen Buch wird ein dunkles Kapitel der Salzburger Sportgeschichte aufgearbeitet. Viele bislang kaum belichtete Aspekte des Vereinslebens und Sportalltags werden wissenschaftlich genau dargestellt. Als Sportlandesrätin ist mir wichtig, dass wir die Lehren aus unserer unheilvollen Geschichte ziehen", betont Landesrätin Martina Berthold.

Radikalisierung und Instrumentalisierung des Sports vor 1938

Der Band "Salzburgs Sport in der NS-Zeit" zeigt eine erste umfassende Darstellung der Alltags- und Sozialgeschichte des Sports während der Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft im Bundesland Salzburg und zwar vor, während und auch nach dem Nationalsozialismus. Die Eingliederung des Sports in die nationalsozialistische Diktatur konnte dabei auf Entwicklungen der Zwischenkriegszeit zurückgreifen. Die Erste Republik war geprägt von einer Instrumentalisierung und Radikalisierung des Sports durch Parteien. Der austrofaschistische Ständestaat bedeutete das Ende der Arbeiterbewegung und des Arbeitersports. Bereits in den 1920er-Jahren erließen einzelne Vereine und Verbände "Arierparagraphen" und schlossen damit jüdische Sportlerinnen und Sportler aus dem Vereinsleben aus. In völkischen Turnvereinen wurden männerbündische Seilschaften aufgebaut, die ab 1938 wirksam wurden. Der Umgang mit dem NS-Sport und belasteten Sportlerinnen und Sportlern in der Nachkriegszeit wird ebenfalls kritisch beleuchtet. Damit ist diese historische Gesamtschau auch ein wichtiger Beitrag zum 100. Gründungstag der Republik Österreich.

Die Rolle einzelner Sportlerinnen und Sportler

"Das Buch setzt sich mit dem Phänomen Sport einerseits als Funktionssystem und andererseits als soziales Handlungsfeld auseinander. Auf dieser Basis konnten die Voraussetzungen geschafft werden, um den Sport in der NS-Zeit und deren Ausprägungen, Differenzierungen und Wandlungen kritisch zu analysieren", konstatiert Sportwissenschaftler Minas Dimitriou. Hauptaugenmerk des Projekts lag auf einer möglichst umfassenden Darstellung der Alltags- und Sozialgeschichte des Sports während der Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft in Salzburg. Aber auch die Rolle einzelner Sportlerinnen und Sportler sowie Funktionärinnen und Funktionäre im NS-Terrorregime wird dargestellt. "Das Bild des unpolitischen Sports und des unpolitischen Sportlers bzw. der unpolitischen Sportlerin prägte die Erzählung der Geschichte in der Nachkriegszeit bis zum heutigen Zeitpunkt. Mit diesem Band sollen die dadurch entstandenen Mythen dekonstruiert und die Sichtweise geändert werden", erklärt Historiker Andreas Praher.

Einige Fragen bleiben offen, Anstoß für neue Forschungen

Landesarchiv-Direktor Oskar Dohle betont: "Dennoch - es bleiben noch Forschungsfelder und Fragen offen. Wenn das Buch Anstoß für eine weitere intensive Befassung mit diesem Themenkomplex bietet, dann haben sich die Bemühungen alle jener, denen dieses Buch zu verdanken ist, über den wissenschaftlichen Anspruch von 'Salzburgs Sport in der NS-Zeit – zwischen Staat und Diktatur' hinaus, zusätzlich gelohnt!"

Und Walter Pfaller, Geschäftsführer der Landessportorganisation, betont abschließend: "Salzburg verfügt nun zum Gedenkjahr 2018 über eine Dokumentation, wie der Sport in dieser damals so schrecklichen Zeit für die menschenverachtende Politmaschinerie des NS-Regimes missbraucht wurde. Dieses Buch soll aber auch ein generelles Mahnmal sein, denn der Sport wird auch heute noch in einigen Ländern dieser Erde für politische Zwecke missbraucht." 180322_70 (rb/mel)

Erhältlich ist das Buch über die Landessportorganisation, sport@salzburg.gv.at, mehr Infos unter www.salzburg.gv.at/themen/sport.

Weitere Informationen: Philipp Penetzdorfer, Büro Landesrätin Martina Berthold, Tel.: +43 662 8042-4888, E-Mail: philipp.penetzdorfer@salzburg.gv.at

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