Barackenstadt mit Ablaufdatum

Im „Russenlager“ zwischen Grödig und Anif lebten während des Ersten Weltkriegs zeitweise mehr Menschen als in der Landeshauptstadt

Salzburger Landeskorrespondenz, 11.11.2018
 

(LK) Warum sich südlich von Salzburg kurzzeitig die größte „Stadt“ des Landes befand, warum dort vor mehr als hundert Jahren fast alle Weltreligionen ihre Kulträume hatten und warum im Neu-Anifer Russenfriedhof nicht nur Russen ihre letzte Ruhestätte gefunden haben, holt dieser „Salzburger Grenzfall“ zurück ans Licht der Gegenwart.

In Neu-Anif südlich der heutigen Tauernautobahn graste noch bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts lediglich das Vieh der Niederalmer Bauern. Jetzt prägen Einfamilienhäuser das Landschaftsbild. Nur am Rand des bewaldeten Goiser Hügels deuten Grabsteine mit kyrillischen Schriftzeichen auf eine traurige Vergangenheit hin: Neben 156 Italienern, 34 Jugoslawen, 21 Deutschen und 26 Österreichern ruhen hier 1.851 Russen in Flachgauer Erde. Zwei Weltkriege haben sie nach Salzburg verschlagen, die meisten der Erste. Denn der heutige „Russenfriedhof“ ist Folge des einst größten Kriegsgefangenenlagers auf Salzburger Boden.

Aus der Gefangenschaft in die Zwangsarbeit

Ende 1914 begannen die Arbeiten auf einem Gelände von fast 600.000 Quadratmetern. Bis zu 45.000 Menschen sollten dort in 290 Holzbaracken leben. Mit 40.000 Einwohnern wurde der Höchststand erreicht - um 4.000 mehr, als die Landeshauptstadt Salzburg in der Zählung von 1910 aufwies. 2.000 österreichisch-ungarische Wachsoldaten hielten russische Armeeangehörige hinter zweieinhalb Meter hohem Stacheldrahtzaun gefangen. Galt es anfangs durch Kriegsgefangenschaft dem Feind möglichst viele Soldaten zu entziehen, so sorgte der ungeplant immer länger werdende Krieg für Arbeitskräftemangel. Frauen rückten in Rüstungsbetriebe nach und viele Kriegsgefangene sollten den Arbeitskräftemangel ausgleichen. Im damaligen Kronland Salzburg wurden sie, weil große Rüstungsbetriebe fehlten, vornehmlich in der Landwirtschaft und im Straßenbau eingesetzt. Die sogenannte „Russenstraße“ in Thalgau erinnert heute noch daran.  

Multikulti am Fuß des Untersbergs

In die so frei gewordenen Baracken zogen Kriegsflüchtlinge aus dem Osten des k.u.k.-Reiches ein, viele aus dem Kronland Galizien im heutigen Polen. Die „Stadt“ vor den Toren Salzburgs verfügte über eine Theaterbaracke, eine Bibliothek mit Lesehalle und eine eigene Feuerwehr. Sie konnte allerdings 1916 einen Großbrand im Lager nicht verhindern, ebenso blieben trotz frischem Untersbergwasser und Kanalisation Krankheiten wie Blattern, Ruhr, Cholera und Typhus nicht aus. Für die Lagerkinder bestand eine russische, eine ukrainische und eine jüdische Schule. Das religiöse Leben fand in einer katholischen, einer evangelischen und einer orthodoxen Kirche sowie in einem jüdischen Tempel und einem muslimischen Gebetsraum statt. Doch trotz aller Bemühungen wurde das Leben in der Retortenstadt von Kriegsjahr zu Kriegsjahr immer schwieriger.

„Aus Galizien nach Salzburg“ nacherleben

Die aktuelle Wander-Ausstellung „Aus Galizien nach Salzburg. Kriegsflüchtlinge aus polnischen Gebieten im Ersten Weltkrieg“ zeigt auf zwölf Tafeln berührende Fotos, Zeitungsausschnitte und Dokumente aus der Zeit von 1916 bis Frühjahr 1918. Neben den Lebensbedingungen im Lager werden auch die Ausgangslage in der Heimat, dem damaligen Kronland Galizien, und die Zustände nach der Rückkehr dorthin veranschaulicht. Die vom Salzburger Landesarchiv gemeinsam mit der polnischen Botschaft in Wien gestaltete Ausstellung ist bis 23. November im Grödiger Gemeindeamt zu sehen, ab 3. Dezember im Foyer des Landesarchivs ergänzt um hauseigene Originalexponate in der Michael-Pacher-Straße 40 in Salzburg.

Kurioses über Grenzen hinweg

Die Salzburger Grenzfälle versammeln Kuriositäten rund um die Grenzen Salzburgs und bilden eine aufschlussreiche Lektüre zu Geschichte, Landeskunde und Politik des Landes. Autor Stefan Mayer beschäftigt sich seit 2002 mit grenzfälligen Besonderheiten in und um Salzburg, die bereits vier Bücher füllen. Band 4 kann per E-Mail an landesmedienzentrum@salzburg.gv.at bzw. telefonisch unter +43 662 8042-2417 um 6,90 Euro bestellt werden. Digitale Versionen aller vier Bände stehen unter www.salzburg.gv.at/grenzfaelle zum kostenlosen Herunterladen zur Verfügung. LK_181107_60 (sm/sab)

Medienrückfragen: Franz Wieser, Pressesprecher Land Salzburg, Landes-Medienzentrum, Tel.: +43 662 8042-2365, Redaktionshandy: +43 664 3943735.

Redaktion: Landes-Medienzentrum.