Noch immer extrem hohe Lawinengefahr in Salzburg

Bei der Bergung zählt jede Minute / Interview mit Bergrettungsarzt Joachim Schiefer

Salzburger Landeskorrespondenz, 14.01.2019
 

(LK)  Zurzeit herrscht in Salzburg noch immer Lawinenwarnstufe 4 bis 5, also extrem hohe Gefahr. „Wird man von einer Lawine verschüttet, sind die Überlebenschancen meist nur in den ersten 18 Minuten realistisch“, sagt Bergrettungslandesarzt Joachim Schiefer.

Seit 2003 ist der Mediziner aktiv bei der Salzburger Bergrettung engagiert, seit 2010 als Bergrettungslandesarzt. Joachim Schiefer und seine Kollegen stehen dieser Tage im Einsatz beziehungsweise in ständiger Bereitschaft. Insgesamt gibt es 43 Ortsstellen und an die 1.500 aktive Bergretter im Bundesland Salzburg.

Überlebenschancen und Erste Hilfe - Interview

Das Landes-Medienzentrum (LMZ) sprach mit Joachim Schiefer über die Überlebenschancen in einer Lawine, Erste Hilfe im Notfall und über vorbeugende Maßnahmen, um für größtmögliche Sicherheit im Gelände zu sorgen.

LMZ: Wie groß ist die Überlebenschance, wenn man von einer Lawine verschüttet wird?

Schiefer: Innerhalb der ersten 18 Minuten hat man gute Chancen zu überleben, vorausgesetzt man wird geborgen. Dann fällt die Kurve rasch ab. Nach 20 Minuten sind die meisten Opfer tot, länger überleben nur diejenigen, die atmen können. Nach einer Stunde liegt die Überlebenschance nur mehr bei ungefähr zehn Prozent.

LMZ: Woran sterben die meisten Lawinenopfer?

Schiefer: In der ersten halben Stunde ersticken die meisten oder sterben an schweren Verletzungen in der Lawine. Wobei auffällt, dass die Unfalltraumata zunehmen, da immer mehr Leute im steilen Gelände unterwegs sind und beispielsweise über Felsen mitgerissen werden. Oder sie werden von den Schneemassen erdrückt. Die Unterkühlung spielt als Todesursache erst ab einer Stunde unter einer Lawine eine Rolle. Das betrifft nur diejenigen, denen ein Atemloch überhaupt eine solche Überlebenszeit möglich macht.

LMZ: Bei einem Lawinenunfall zählen die Minuten, es kommt auf schnelle Hilfe an. Wie sollen Kameraden oder Beobachter reagieren? 

Schiefer: Zuerst einen Notruf an die Telefonnummer 140, Bergrettung, oder die 144, Rotes Kreuz, absetzen und dann sofort - wenn vorhanden - mit dem Lawinenpieps die Suche starten, sondieren und das Opfer rasch freischaufeln. Möglichst schnell Mund, Nase und Brustkorb frei legen und mit Erster Hilfe beginnen.

LMZ: Wenn man sich ins freie Gelände aufmacht. Welche Sicherheitsvorkehrungen sollte man treffen?

Schiefer: Zuerst sollte man sich natürlich über die aktuelle Lawinenlage informieren. Weiters immer die entsprechende Notfallausrüstung mit ins Gelände nehmen: Pieps, Sonde, Schaufel, Erste-Hilfe-Paket, idealerweise auch einen Airbag-Rucksack, der eine Komplettverschüttung verhindern kann. Empfehlenswert ist, niemals allein ins Gelände zu gehen, sondern immer in der Gruppe. Und nie gemeinsam in einen Hang einfahren. Funktionieren kann die Kameradenrettung nur, wenn jeder mit seiner Notfallausrüstung umgehen kann und in Erste-Hilfe-Maßnahmen geschult ist.

LMZ: Und wenn man trotz aller Vorsichtsmaßnahmen in eine Lawine gerät?

Schiefer: Bei der Abfahrt aus dem Stockschlaufen schlüpfen, die Stöcke können einen nach unten ziehen, sofort den Airbag ziehen, Hände vor das Gesicht und den Mund, damit man eine Atemhöhle schaffen kann.

LMZ: Bei welcher Lawinenwarnstufe passieren eigentlich die meisten Unfälle?

Schiefer: Bei Warnstufe 3, also erheblicher Lawinengefahr. Da glauben die meisten, dass es im freien Gelände relativ sicher ist. In Wahrheit sind aber auch hier eine hohe Beurteilungsfähigkeit der Lawinensituation und ausreichende alpine Kenntnisse unbedingt notwendig. Hinzukommt, dass diese Warnstufe relativ häufig gilt. INT_190114_40 (sab/mel)

Medienrückfragen: Franz Wieser, Pressesprecher Land Salzburg, Landes-Medienzentrum, Tel.: +43 662 8042-2365, Redaktionshandy: +43 664 3943735

Redaktion: Landes-Medienzentrum