Voller Einsatz für die Schützlinge der Kinder- und Jugendhilfe

Michael aus Salzburg redet als „Care Leaver“ mit / Er sagt: „Mit 18 aus der betreuten WG zu müssen, ist oft zu früh.“

Salzburger Landeskorrespondenz, 31.01.2019
 

(LK) Mit neun Jahren ist Michael in eine betreute Wohngemeinschaft gezogen, verbrachte seine gesamte Jugend dort. Gewalt zu Hause war im Spiel, der Vater krank, da schritt die Kinder- und Jugendhilfe ein. Heute schaut der jetzt 19-Jährige auf diese Zeit zurück, meint: „Seit ich 14 bin, treffe ich meine eigenen Entscheidungen, ich bin schnell erwachsen geworden, musste es. Als so genannter Care Leaver und ,Insider‘ möchte ich einige Dinge verändern, auch verbessern.“

„Ausgesucht habe ich mir diesen Lebensweg nicht, als ich und meine zwei Brüder in drei verschiedene betreute Wohngemeinschaften gebracht wurden. Da war ich zirka neun Jahre alt. Aber: Ich habe das Beste daraus gemacht, will Kindern, denen es ähnlich geht, helfen“, so Michael über seine Ziele. Der Radmechaniker und gelernte Einzelhandelskaufmann hat es geschafft, ist jetzt als „Care Leaver“, wie die ehemaligen Kinder in Betreuung heißen, aktiv.

„Als ,Ehemalige‘ haben wir gute Vorschläge“

Angefangen hat das schon, als er sich für seinen Bruder eingesetzt hat. „Ich war ein Sprachrohr für ihn, jetzt bin ich es als Care Leaver für alle, die in betreuten Wohngemeinschaften untergebracht sind“. Bei Treffen mit anderen Betroffenen herrscht ein reger Austausch. „Die Betreuung ist prinzipiell gut, das soziale Netz dicht, aber das eine oder andere ginge noch. Wir wissen als ,Ehemalige‘ am besten, wo man noch schrauben kann“, so Michael, der insgesamt zirka zehn Jahre in einer WG verbrachte.

Betreuungsalter auf 25 Jahre erhöhen

Ein besonderes Anliegen ist dem Salzburger die Erhöhung des Betreuungsalters. „Diese Kinder hatten es naturgemäß nicht leicht, verlieren nicht nur Jahre in der Schule, sondern auch in der Entwicklung und ein großes Stück Unbeschwertheit. Dann mit 18 – oder in einigen Fällen spätestens 21 – zu sagen, du musst aus der Wohngemeinschaft raus, halte ich für zu früh. Ich war immer ein starker Charakter, wollte etwas aus meinem Leben machen, andere brauchen aber vielleicht mehr und länger Starthilfe“, betont der 19-Jährige, der in seiner eigenen Wohnung lebt. Er möchte aktiv beitragen, seine Erfahrungen und Vorschläge einbringen – und wird auch gehört.

Das Beste für die Kinder herausholen

„Und um die ständige Aus- und Weiterbildung der Sozialarbeiterinnen und -arbeiter geht es mir auch. Es tut sich auf diesem Sektor so viel, da müssen alle immer up-to-date sein.“ Und er fordert alle auf, an einem Strang zu ziehen, „um für die Kinder und Jugendlichen in den Sozialeinrichtungen das Beste zu erreichen.“

Gute Betreuer als neue „Familie“

Durch das Zusammenspiel mit der Betreuung in der Wohngemeinschaft, einem eisernen Willen, etwas aus sich zu machen, und auch ein Quäntchen Glück, hat Michael seine Ziele bis jetzt erreicht. „Dabei hat mir auch der Sport geholfen. Ich bin begeisterter Mountainbike-Downhiller, verbuche sogar einen Europameistertitel für mich. Auch ein Beispiel, dass ich gute Betreuer hatte. Die haben nämlich mein Talent erkannt und gesagt: ,Der Bub braucht ein g’scheites Rad‘. Was ich durch private Sponsoren auch bekam.“

„Ich bin zufrieden mit meinem Leben“

Und so blickt Michael zurück, zieht Zwischenbilanz: „Es war teilweise hart, sehr hart, mit erst neun Jahren von Eltern und Brüdern getrennt zu sein, es war aber in der WG schon eine Art aufatmen, ich fühlte mich wieder sicher. Und heute kann ich sagen: Ich bin zufrieden mit meinem Leben. Darauf kommt es doch an.“

Daten und Fakten zur Kinder- und Jugendhilfe des Landes Salzburg

  • In Salzburg gibt es 46 Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe.
  • 2017 lebten 489 junge Salzburger in Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe, 275 bei Pflegeeltern.
  • Das sind die Institutionen: Sozialpädagogische Wohngemeinschaften für Kinder und für Jugendliche, betreutes Wohnen für Jugendliche, das SOS Kinderdorf in Seekirchen, eine Mutter-Kind-Wohngemeinschaft sowie intensiv betreute Wohngemeinschaften für Kinder und Jugendliche.
  • Außerdem gibt es: Krisenstellen für Kleinkinder, Kinder und Jugendliche, Notschlafstellen für Jugendliche.
  • In einer sozialpädagogischen Wohngemeinschaft wohnen acht Kinder/Jugendliche zumeist in einem großen Einfamilienhaus und werden von einem Team von sozialpädagogischen Fachkräften rund um die Uhr betreut und versorgt.
  • Grundsätzlich wird darauf geachtet, Geschwister gemeinsam zu betreuen.
  • Die Kinder- und Jugendhilfe unterstützt Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene entsprechend ihrer persönlichen, individuellen Bedürfnisse und Fähigkeiten bis maximal zur Vollendung des 21. Lebensjahres.
  • Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe gibt es sowohl in der Stadt als auch im Land Salzburg.
  • Weitere Informationen und Beratung: Kinder- und Jugendhilfe des Landes Salzburg. REP_190124_71 (mel/grs)

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Redaktion: Melanie Hutter/Landes-Medienzentrum