Europas Rückhalt im Pongauer Fels

Im St. Johanner Regierungsbunker speichert die EU wichtige Sicherheits-Daten

Salzburger Landeskorrespondenz, 07.02.2019
 

(LK) Wo die gesamte Bundesregierung im Berg verschwindet, wenn es brenzlig wird, warum man im Pongau einen riesigen geheimen Datenschatz hütet und woran hunderte Menschen tief im Fels arbeiten, geht dieser aktuelle Salzburger Grenzfall aus der gleichnamigen Serie auf den Grund.

Lange Zeit galt sie als eines der bestgehüteten Geheimnisse der Alpenrepublik: Die ab den späten 1970ern errichtete „Einsatzzentrale Basisraum“ ist ein „Kind des Kalten Kriegs“. Sie sollte der Bundesregierung im Falle eines vom Osten befürchteten Angriffs Schutz tief im Pongauer Fels bieten. 300 Meter unter der Erdoberfläche befindet sich nach wie vor eine kleine Stadt auf fünf Etagen, „Regierungsbunker St. Johann“ genannt, und bietet bis zu 250 Menschen einen Arbeitsplatz.

50 Millionen mal Verlorenes und Gesuchtes

Die Gefahr aus dem Osten ist dem Zusammenwachsen in ganz Europa gewichen. Doch die Zeiten ohne Grenzkontrollen erfordern mehr Zusammenarbeit in Sicherheitsfragen. Herzstück im dafür entwickelten Schengen-Informationssystem (SIS) sind Datensätze, Millionen von Datensätzen. Was 1995 mit 2,9 Millionen begann, wuchs inzwischen auf rund 77 Millionen Einträge zu Personen und Dingen an. Den Löwenanteil machen gestohlene Ausweisdokumente, Kraftfahrzeuge, Banknoten, Boote, Container oder Schusswaffen aus, etwas mehr als ein Prozent der Einträge betreffen Personen, die vermisst oder zur Fahndung ausgeschrieben sind.

Auch Fingerabdrücke gespeichert

Vergleichsweise wenig, aber sehr gefragt, lösen sie doch mehr als ein Drittel aller Treffer aus. Zugriff haben Justizbehörden, das europäische Polizeiamt Europol und institutionelle Sicherheitsdienste über die nationalen polizeilichen und sicherheitsdienstlichen IT-Systeme, die mit der zentralen Datenbank ständig verbunden sind. Seit 2018 sind auch Fingerabdrücke gespeichert, was Fahndungsanfragen deutlich erleichtert.

Hochsichere Daten tief unten

Was das alles mit der Pongauer Bezirkshauptstadt zu tun hat? Nun, man hatte seinerzeit sehr großzügig geplant. Schon 1982 zog das Zentrale Ausweichsystem des Bundes im Bunker im Heukareck ein. An einem nach menschlichem Ermessen sicheren Ort stehen dort IT-Systeme im Krisenfall bereit. Auch die Landesverwaltungen und Privatnutzer wie Notare oder die Wiener Wirtschaftsuni lassen die Kopien ihrer heikelsten Daten im Fels verwahren. Platzreserven und die Lage im Berg waren auch die besten Voraussetzungen, als für die EU-Fahndungsdaten ein sicheres Reservesystem gesucht wurde.

Bei Ausfall übernimmt der Pongau

Ab 2008 wurde der „Regierungsbunker“ schrittweise zu Europas Datenrückhalt zusätzlich zum Hauptspeicher im französischen Straßburg. Nicht nur als Backup für SIS der zweiten Generation, sondern ab 2011 auch für das Visa-Informationssystem. Die Feuertaufe wurde bereits gemeistert: „Als 2018 technische Probleme und Wartungsarbeiten das Rechenzentrum in Straßburg lahmgelegt haben, lief der Datenverkehr vier Monate lang über den Pongauer Server. Wir sind also gerüstet, den Betrieb der Polizei-Systeme für ganz Europa zu übernehmen“, schildert Florian Bilek vom Bundeskanzleramt, Herr über die IT-Systeme im Berg. 

Kurioses über Grenzen hinweg

Die Salzburger Grenzfälle versammeln Kuriositäten rund um die Grenzen Salzburgs und bilden eine aufschlussreiche Lektüre zu Geschichte, Landeskunde und Politik des Landes. Autor Stefan Mayer beschäftigt sich seit 2002 mit grenzfälligen Besonderheiten in und um Salzburg, die bereits vier Bücher füllen. Band 4 kann per E-Mail an landesmedienzentrum@salzburg.gv.at bzw. telefonisch unter +43 662 8042-2417 um 6,90 Euro bestellt werden. Digitale Versionen aller vier Bände stehen unter www.salzburg.gv.at/grenzfaelle zum kostenlosen Herunterladen zur Verfügung. LK_190201_60 (sm/mel)

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Redaktion: Landes-Medienzentrum